HALTUNG

Es gibt Fragen, die mich seit vielen Jahren begleiten. Nicht nur auf der Bühne, sondern ebenso bei meiner Arbeit im Atelier und beim Schreiben.

Ich glaube, dass jede künstlerische Arbeit mit dem Versuch beginnt, zu verstehen. Ein Werk, ein Gedicht oder ein Mensch erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Sie verlangen Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich Perfektionistin bin. Nicht, weil ich an makellose Aufführungen glaube, sondern weil jedes Werk seinen eigenen Anspruch hat und den Respekt verdient, ernst genommen zu werden.

Denn Interpretation beginnt für mich mit dem Verstehen: des Textes oder Librettos, des historischen Kontextes, der Lebensumstände des Komponisten und der Gedanken, die einem Werk zugrunde liegen. Je tiefer dieses Verständnis reicht, desto freier kann ich ihm als Interpretin begegnen.

Diese Haltung prägt auch meine Repertoirewahl. Ich stelle Werke in den Mittelpunkt, die mich musikalisch und menschlich ansprechen und deren Ausdruck ich mit Überzeugung weitergeben kann. Für mich entsteht eine überzeugende Interpretation aus der sorgfältigen Auseinandersetzung mit dem Werk. So kann eine authentische Verbindung entstehen – zwischen Komponist, Interpret und Publikum.

Im Unterricht begegnet mir dieselbe Frage auf andere Weise. Jeder Mensch bringt seine eigene Stimme, seine eigene Geschichte und seine eigenen Möglichkeiten mit. Deshalb versuche ich nicht, Menschen nach einem Ideal zu formen. Ich versuche zunächst zu verstehen, wer mir gegenübersteht.

Ich sage meinen Schülern oft: „Die Technik ist das Rüstzeug, das euch befähigt loszulassen. Dann bekommt ihr das, was ihr dachtet kontrollieren zu müssen, geschenkt.“

Dieser Satz begleitet meine Arbeit seit vielen Jahren. Technik ist unverzichtbar. Sie schafft die Voraussetzungen, auf die man sich verlassen kann. Erst dann entsteht die Freiheit, nicht mehr an Technik denken zu müssen, sondern an das, was gesungen werden soll.

Aus demselben Grund verdichten sich meine Texte.

Der Gedanke ist da. Ich suche nach der Sprache und der Form, in denen er zu seiner Essenz findet – bis kein Wort mehr entbehrlich ist. Nicht, weil Kürze ein Wert an sich wäre, sondern weil Präzision die Voraussetzung für Klarheit ist.

Ich glaube, Musik und Dichtung folgen darin derselben Bewegung. Beide versuchen, zum Wesentlichen vorzudringen.

Wenn ich heute auf meine Arbeit blicke, sehe ich keine verschiedenen Berufe. Das Konzert, die Arbeit mit meinen Schülern im Atelier und die Dichtung sind für mich unterschiedliche Formen derselben Suche.

Sie beginnt immer mit dem Verstehen.